Dr. rer. nat., DP Ralf Vogt, Leipzig
Rezension

Versuch einer Betrachtung zum Sammelband von Manfred Thielen (Hrsg): Narzissmus (Körperpsychotherapie zwischen Energie und Beziehung), Leutner-Verlag, 2002, DGK Schriftenreihe Bd. II
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Neulich stieß ich auf das Buch von bekannten DGK-Mitgliedern, dass vom Vorsitzenden Manfred Thielen herausgegeben, ein guter Spiegel bzgl. der Vielfalt und Verschiedenheit der Theorie- und Therapieansätze im Dachverband der deutschen Körperpsychotherapeuten sein könnte.

Auf den knapp 240 Seiten des Fachbuches sind unter dem Thema Narzißmus von 13 Autoren Denkanstöße und Fallbeispiele zur Körperpsychotherapie aneinander gereiht, die sowohl diagnostische wie therapeutische Aspekte der Behandlung mit unterschiedlichen Gewichtungen darstellen. Im Grunde kann der fachlich interessierte Leser sich am besten durch das Buch bewegen, wenn er sich von der Ausrichtung der Beiträge neugierig einladen lässt und die speziellen Akzente sucht, die einen Unterschied zum eigenen Vorgehen ausmachen.

Das Thema ist da der vereinende Leitfaden von Kollegen, die sich im Praxisalltag achten – auch wenn sie, wie mir manchmal schien, sie sich untereinander zuweilen wenig gegenseitig zitieren. Wie dem auch sei, dass Buch kann als Fundus für diejenigen angesehen werden, die die Komplexität der Herangehensweisen eher als befruchtenden Vorteil ansehen.

Im ersten Beitrag beschreibt Manfred Thielen als integrativer Biodynamiker wie er als Körperpsychotherapeut mit intensiver Beziehungsarbeit tiefenpsychologischer Akzentuierung eine kreative biodynamische Therapiearbeit verwirklicht, die sowohl Massagen, Körperarbeiten und -interaktionen wie auch strukturierende Gespräche beinhaltet. Es ist ein anschaulicher Fallbericht, der die intensive Beziehungsarbeit von Manfred Thielen im Rahmen des körpertherapeutischen Vorgehens gut demonstriert. Darüber hinaus werden körperpsychotherapeutische Ansichten zum Thema Narzissmus von Reich, Lowen, Kohut und Kernberg bis hin zu Johnson referiert. Überhaupt ist der weitgespannte Bogen von einer Gesellschaftskritik mit ihrem narzisstischen Zeitgeist bis hin zur Bedeutung der aktuellen Säuglingsforschung eine ebnende Öffnung für die nächsten Beiträge im Buch.

Bei Thomas Busch, einem nahen Institutskollegen von Manfred Thielen, nehmen die diagnostischen Ableitungen zum Narzissmusbegriff nach DSM III u.ä. auch viel Raum ein. Möglicherweise sind dafür die wissenschaftlichen Orientierungen von Busch ausschlaggebend. Hier werden Ansichten von Perls, Kernberg, Kohut, Miller, Moser u.a. mit eigenen theoretischen Beiträgen interessant und praktikabel verknüpft.

Busch stellt in vier Grafiken anhand verschiedener Symptomkomplexe narzisstischer Störungen deren chronifizierende Dilemmas dar und leitet daraus körpertherapeutische Hilfestellungen ab, die dafür auflösend bzw. lindernd nützlich sein können.

Ulrich Sollmann, bioenergetischer Analytiker, befasst sich ebenfalls mit lowenschen Gedankengut im Vergleich zur Psychoanalyse, wobei aber hier Sollmann besonders auch sozial dynamische Aspekte von Machtstrukturen im Zeitgeist unserer Gesellschaft hervorhebend beschäftigen. Nach seinen zur Zeit sehr provokant vorgetragenen Thesen sind offensichtlich die Wissenschaftler und Therapeuten, die sich umfangreich über narzisstische Strukturen äußern selbst „arg von narzisstischen Einflüssen geprägt“ und daher nur bedingt auskunftsfähig.

Bettina Schroeter, transformative Körperpsychotherapeutin, dringt dagegen wieder verstärkt zurück zur Anerkennung von äußerer Realität als objektiven Rahmen von Körperpsychotherapie und beschreibt eher Begrenzungsversuche von narzisstischen Größenideen als Credo der therapeutischen Arbeit. Es scheint als wolle sie mit dem Mythos der „großen therapeutischen Veränderungen im Charakter des Menschen“ abrechnen und kleinere „Versprechungen backen“. Die Therapiestunde stellt nach ihrer Auffassung eher eine „Nachhilfestunde in Sachen Leben dar“. Das ist recht offen und wirkt zum Teil bescheiden. Unklar bleibt etwas, was die Autorin dann mit der energetischen Unterwanderung der Neurose konkret meint, weil da eine genaue Fallbeschreibung leider fehlt. Schade, nach dem langen Anlauf der Metareflexionen, wäre das eine gute Abrundung gewesen.

Helmut Josefowicz, biodynamischer Körperpsychotherapeut, beschwört als goldene Regel, dass Therapie eine Gratwanderung zwischen Nähren und Frustrieren sein solle, was gleichfalls letztlich eine Mischung aus biodynamischen (meist den verbalen Beziehungsklärungen) Ansätzen darstellt, die vom Therapeuten eine hohe Flexibilität verlangt. Etwas zu negativ akzentuiert erlebe ich die Aussage, dass eine „Möhre geben, den Esel zur Sucht" verleiten könne. Vielleicht hätte man auch verschiedene Regressions- und Beziehungsqualitäten beschreiben können, um das Problem weniger blumig zu benennen?

Lisa Zimmermann, eine tiefenpsychologische Körperpsychotherapeutin biodynamischer Prägung, beleuchtet ausführlich das innere Beziehungserleben des Patienten zu sich selbst. Sie beschreibt dabei mit aktiver Frage-Antwortmethodik eine Workshop - Abfolge zu diesem Thema. Getragen wird das Herangehen durch die Aussage, dass narzisstische Persönlichkeitsstrukturen besonders unter Haltmangel leiden und das es in den körperorientierten Übungen, die meist im Liegen stattfinden, darauf ankomme, solche haltgebenden Metaphern der Körperselbstbeobachtung und Körperakzeptanz zu etablieren, um Raum für neues Wachstum zu schaffen.

Helga Krüger-Kirn, eine tiefenpsychologisch - analytische Körperpsychotherapeutin mit biodynamischen Ansatz, geht noch komplexer in ähnlicher Denkrichtung vor. Hier werden aber auch stärker Aspekte des negativen Selbstwertgefühls und der Abwehrstrukturen wie Idealisierungs-, Projektions- und Spaltungstendenzen fokussiert und mit einer Falldarstellung beschrieben. Dabei nimmt der prozentuale Anteil der therapeutischen Selbstanalyse und Gegenübertragungsbetrachtungen im Vergleich zu anderen Autoren den breitesten Raum ein, sodass es im Grunde eher wie eine analytische Arbeit mit imaginierten und fantasierten Körperbetrachtungen und -interaktionen wirkt, die eher wenige Körperaktionen beinhaltet. Auch die Dauer der Therapie von 4 ½ Jahren hebt sich in diesem Sinne von anderen körperorientierten Therapieansätzen ab.

Christine Bolliger-Karcher, eine schweizerische körperorientierte Psychotherapeutin mit jungianischem Bezug, ist ebenfalls sehr mit analytischen Beziehungsproblemen der Übertragung und Gegenübertragung befasst.

Nach Jung steht in der Therapie die Integration und Synthese im Vordergrund, sodass eine dialektische Wechselwirkung vom Beziehungsgefüge zwischen Patient und Therapeut letztlich einen Entwicklungsschub für den Patienten auslöst. Relativ neu ist die Differenzierung nach Sabetti, dass nämlich der Therapeut überlegt, auf welches Übertragungsangebot er antworten will und welches er begründet zurückweisen will. Leider ist der kurze Beitrag mit keinem Fallbeispiel versehen.

Cornelia Götz-Kühne, integrative Biodynamikerin mit familientherapeutischem Einschlag, arbeitet erfolgreich mit körperpsychotherapeutischen Methoden bei essgestörten Frauen.

Sie betrachtet in einer Kombination von systemischen und analytischen Gedankengut den Kern der Essstörung als chronifizierten Konflikt zwischen Autonomie- und Konformismusbestrebungen in begrenzten Interaktionssystemen. Es geht dabei um die schrittweise Differenzierung zwischen falschen und wahren Selbst mit körpertherapeutsichen Methoden, die sich besonders mit dem erlebten Körperschema der Patienten - auch in Auswirkung ihrer erlebten Beziehungskonflikte gestalten.

Sehr interessant wirkt auch die Gemeinschaftsarbeit von Sabine Stehle und Senta Körber, integrativen Biodynamikerinnen, weil sie die Wirkung von Körperpsychotherapien aus der Sicht von ehemaligen Klientinnen darstellen, wobei hauptsächlich halb standardisierte Interviews zur Auswertung gelangen. Sehr begrüßenswert finde ich auch, dass auch die Therapeuten entsprechend diverser Kompetenzvariablen in der Beziehungs- und Körperarbeit einbezogen werden.

Leider sind die Ergebnisse sehr knapp referiert und gehen kaum über die vermuteten Hypothesen, dass Körperpsychotherapie in der Selbstwahrnehmung und Beziehungsfähigkeit positive Spuren hinterlässt, hinaus.

Siggi Bach, biodynamischer Körperpsychotherapeut, verknüpft Therapieansätze von Lowen, Boadella und Boysen mit denen des Entwicklungspsychologen Piaget. Mit relativer Ausführlichkeit stellt er den Hintergrund der narzisstischen Störung in der theoretischen Konzeptualität der Biodynamik bzw. Biosynthese dar. Das ist zum einen durch Schemata anschaulich gelungen - einige konkrete Fallbeispiele wären aber auch günstig gewesen, die die Methodik ableitend hätten erläutern können.

Marianne Bentzen, eine dänische Biodynamikerin, widmet sich auch der analytisch-biodynamischen Entwicklungserklärung der narzisstischen Störung. Es werden dabei sehr viel regelhafte Metaphern angehäuft, die mit den kurzen Fallvignetten zum Teil auf mich noch nicht schlüssig wirkten. Beeindruckend wirkte auf mich die emotionale Präsenz der Autorin in ihrer Arbeit.

Joachim Vieregge, coreenergetischer Körperpsychotherapeut widmet sich in einer Verknüpfung von Kulturgeschichte und Psychotherapie der Charakterbeschreibung von romantischen und narzisstischen Merkmalen, wobei er sich deutscher Lyrik und eigener Selbstreflexionen aus der therapeutischen Arbeit als Darstellungsmedium bedient. Nach Vieregge hat der romantische Charakter viel Ähnlichkeiten mit dem depressiv melancholischen Strukturtyp aufzuweisen, den man auch als narzisstisch leidenden Menschen ansehen kann. In der Therapie werden solche Klienten nur oberflächlich aktiv, weil Ihnen „innere Fülle“ fehlt, wozu viele Beispiele aus Kunst und Gesellschaft dienen.

Als Lösung beschreibt er verschiedene bioenergetische Übungen von Lowen, welche getragen von einer guten Beziehungsannahme „erfüllend“ wirken können. Der Zugang und die Kombination mit Kunst- und Kulturbetrachtungen wirkt dabei amplifizierend – zum Teil jungianisch.

Die o.g. Fülle dieser Autorenansätze ist im Buch nur durch das selbst lesen in angemessenem Umfang zu erschließen. Es ist ein erstes Buch, in welchem Körperpsychotherapeuten verschiedener Prägung sich gemeinsam zum schwierigen Thema des Narzissmus äußern, Konzepte beschreiben und Behandlungsvorschläge machen. Die von mir angeführten Eindrücke sollten nur weitere Kollegen anregen, sich mit dem Gedanken- und Erfahrungsgut anderer Körperpsychotherapeuten zu befassen oder eventuell selbst zum Stift zu greifen, um - möglicherweise auch unter dem Dach der DGK - selbst ihre Erfahrungen aus der körpertherapeutischen Arbeit niederzuschreiben. Insofern könnte das von Manfred Thielen herausgegebene Buch ein guter Anfang für einen breiteren Fachaustausch sein, den Körperpsychotherapeuten leider bis heute noch zu wenig sehen - gemessen an der Fülle ihrer realen Beiträge in der alltäglichen Praxis gegenüber anderen Therapierichtungen, in denen mehr veröffentlicht wird.

Dr. Ralf Vogt

(Tiefenpsychologischer Psychotherapeut arbeitet zum Ansatz der strukturellen Handlungsinszenierungen im Rahmen einer körper- und traumaorientierten Psychotherapie in eigener Praxis in Leipzig)