Buchbesprechung von Karl Alexander Röhler (2004):

Ralf Vogt: Beseelbare Therapieobjekte: strukturelle Handlungsinszenierungen in einer körper- und traumaorientierten Psychotherapie. Gießen: Psychosozial-Verlag 2004.

Neue Wege in der therapeutischen Beziehung

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Der gemeinsame Umgang mit beseelten Therapieobjekten hilft Patienten, ihre Eigenkompetenz zu stärken Nicht jede Neuerung ist als solche sofort erkennbar. Manchmal versteckt sie sich auch hinter sperrigen und schwer eingängigen Begriffen, in diesem Falle hinter dem Konzept der "beseelbaren Therapieobjekte", die in "strukturellen Handlungsinszenierungen" eingesetzt werden. Therapieobjekte, denen man eine Seele einhauchen kann, sind z. B. Plüschtiere, durch die innere Persönlichkeitsanteile sprechen können, oder Schaumstoffmatten, -klötze und -säcke, auf die diffuse oder sehr starke Gefühle übertragen werden können, wie Angst, Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Sehnsucht. Aber auch haltgebende Gegenstände gehören dazu wie die Schwebegurte, in denen hängend der Patient früher vermisste Geborgenheit erleben kann. Ralf Vogt, in freier Praxis tätiger Psychoanalytiker und Traumatherapeut, stellt uns hier seine Überlegungen zu einem Umgang mit Patienten vor, den man zu Recht als neu bezeichnen kann.
Sein Buch reiht sich nicht in die Versuche ein, Menschen, die therapeutische Behandlung wünschen - meist unter der Hand - für unmündig zu erklären und eine bestimmte Methode bzw. ein spezifisches Setting zur Heilung anzupreisen, etwa nach dem Motto "Folge meinen Handlungsanweisungen und Du wirst gesund werden". Das Buch gehört auch nicht zu den Versuchen, die Illusion einer sich relativ spontan einstellenden "ganzheitlichen therapeutischen Begegnung" zu befördern.

Stattdessen wird immer wieder die Notwendigkeit der gezielten Zerlegung der Therapeut-Patient-Beziehung in ihre relevanten Teilbereiche hervorgehoben, die da sind: Übertragungen, Introjekte, regressive und erwachsene Strukturen. Das soll nicht nur durch das analytische Gespräch erfolgen, sondern auch in der Interaktion zwischen Therapeut und Patient sichtbar und erlebbar werden und auf diese Weise therapeutisch wirken. Diese starke Betonung des interaktionellen Aspekts, der auch direkten und indirekten Körperkontakt einschließt, ist ein Novum und ermöglicht nach Ansicht des Autors die Integration und Nutzung der Vorteile so unterschiedlich anmutender Therapiebereiche wie Psychoanalyse, Traumatherapie, Körpertherapien sowie systemischer und gestalttherapeutischer Ansätze in einem universalistischen Ansatz, dem "Konzept der universellen Psychotherapie". Beim Lesen kann man feststellen, dass hier jedoch kein unverdaulicher Potpourri vorgeschlagen wird, sondern die strukturierte Kombination verschiedener etablierter Verfahren je nach Indikation und in Abhängigkeit von der momentanen Beziehung zwischen Therapeut und Patient sowie der konkreten Therapiesituation. Es wird nicht nur in der Übertragung gearbeitet wie im klassischen Verfahren der Psychoanalyse, sondern vor allen "an der Übertragung" und besser müsste es wahrscheinlich heißen: mit der Übertragung. Was bedeuten soll, dass durch die Inszenierung von Übertragungen und Introjekten mit Hilfe so genannter Übergangs-Übertragungs-Objekte, also beseelter Gegenstände, die für eine Übergangszeit bestimmte Übertragungsanteile repräsentieren, das innere Erleben in ein äußeres Geschehen gebracht wird, dass dann analysiert, verstanden und prototypisch verändert werden kann. Wem das zu theoretisch klingt, dem seien die zahlreichen, sehr anschaulichen Fallschilderungen zur Lektüre empfohlen, die fast die Hälfte des Buchumfangs ausmachen. In ihnen ist prägnant und in einem für Praktiker, Studenten und interessierte Laien gleichermaßen geeigneten Stil dargelegt, wie mit Hilfe der zuvor beseelten Objekte zunächst Veränderungen des Verhaltens in der Therapiesituation zustande kommen, die dann im Weiteren auch entscheidende Veränderungen im Lebensalltag der Patienten nach sich ziehen. Die von Ralf Vogt entwickelte Methode ist deshalb so effektiv, weil beide Seiten an der Gestaltung, Beobachtung und Veränderung der mit den beseelten Therapieobjekten in Szene gesetzten inneren Phantasien und Wünsche teilhaben können. Diese Transparenz des Übertragungsgeschehens trägt dazu bei, Missverständnisse zwischen Therapeut und Patienten auszuräumen, bevor sie zu hartnäckigen Blockaden werden, die den therapeutischen Fortschritt behindern.

Am Anfang des Buches steht ein pointierter Überblick über den derzeitigen Entwicklungsstand gängiger Therapieverfahren, dem die Darstellung des eigenen Ansatzes "struktureller Handlungsinszenierungen in einem universellen Therapierahmen" folgt.
In einer "mutuellen Beziehungsgestaltung", dem gemeinsamen Erkunden von Problemfeldern und Lösungsmöglichkeiten im Rahmen der Handlungsinszenierungen, soll die Selbstkompetenz des Patienten gefördert werden, so dass nach und nach eine Begegnung auf partnerschaftlicher Augenhöhe möglich wird, eine Abänderung des therapeutischen Abstinenzgebotes, die vielen klassischen Psychoanalytikern suspekt erscheinen dürfte. Dafür haben vermutlich herkömmliche Körpertherapeuten mit der starken analytischen Zerlegung und Fokussierung der Handlungssequenzen ihre Schwierigkeiten. Das ernsthafte Interesse an der Entwicklung des Patienten wird jedoch gerade an der Beharrlichkeit deutlich, mit der notwendige Differenzierungen im Therapieprozess vorgenommen werden. Statt der Verkündigung vollmundiger Heilsversprechen wird sehr präzise dargelegt, welche Vorteile die strukturelle Psychotherapie mit beseelbaren Objekten gegenüber anderen, weniger strukturierten Verfahren bietet, vor allem im Hinblick auf die Kontrolle des Therapieerfolges. Durch die Inszenierung von Übertragung und Introjekten wird es den Patienten möglich, ihre neurotischen Reaktionsweisen nicht nur wie in einem Spiegel zu erkennen, sondern die beziehungszerstörenden Auswirkungen als teilnehmende Beobachter selbst zu erleben. Dadurch wird eine schnellere Distanzierung und Änderung des Fehlverhaltens möglich.

Anschaulich werden die einzelnen Schritte des therapeutischen Vorgehens an Fallbeispielen erläutert, deren Verständnis durch den wiederholten Rückgriff auf bereits in vorherigen Kapiteln besprochene Fälle erleichtert wird. Das erlaubt es dem Leser, sich voll auf die methodischen Erläuterungen zu konzentrieren. Bei den Schilderungen ist man immer wieder berührt, wie stark die Introjekte, also verinnerlichte Personen aus unserer Kindheit, das eigene Ich noch heute terrorisieren können, obwohl der gewalttätige Vater oder die herzlose Mutter längst außer Reichweite sind.

In Abhandlungen von praktizierenden Psychotherapeuten sehr selten zu finden und daher besonders lobenswert sind die Bemühungen, eine Evaluation des Wirkungserfolges verschiedener Settings durchzuführen. Bei den Auswertungen der selbst von ihm über mehrere Jahre durchgeführten Umfragen unter seinen Patienten kann der Autor zeigen, dass die Kombination von Einzel- und Gruppentherapie im Therapieverlauf besonders nützlich für die Patienten war und das bestimmte Therapiemedien wie z. B. die riesenhaften Schaumstoffobjekte, als sehr hilfreich für die Beschäftigung mit schwierigen und stark ängstigenden Gefühlen gelten können.

Der Autor wirft im Hinblick auf die Beziehungsgestaltung zum Patienten viele brisante und provokativ anmutende Fragen auf, wie z. B., ob das Gebot der Berührungsabstinenz in der Psychoanalyse möglicherweise die "sicherste Beziehungsdefinition für den Therapeuten" darstellt, aber vielleicht nicht unbedingt in allen Phasen des Therapieprozesses dass entwicklungsfördernste Setting für den Patienten. Die allgemeine Botschaft von Vogts Überlegungen ist, dass beseelte Objekte wichtige Hilfen für die Strukturierung und Anschaulichmachung von Übertragungen und Introjekten sein können, die nicht nur dem Therapeuten bei seiner Analysearbeit helfen, sondern auch die so notwendige Strukturbildung in der Persönlichkeit des Patienten anregen. Das Buch kann darüber hinaus als ein durchdachter und in der langjährigen Praxis eingehend erprobter Diskussionsbeitrag zu einer Psychotherapie der Zukunft gewertet werden. Es stellt implizit die Frage des demokratischen Umgangs von Patient und Therapeut, nicht politisch oberflächlich, sondern tiefgreifend bis in die Ebene des Interaktionsgeschehens zwischen beiden "Parteien" hinein.

Wer sich jetzt fragt, wie er als Therapeut oder Therapeutin Ansätze des vorgeschlagenen universellen Konzeptes in der eigenen Praxis verwenden kann, ohne wieder eine gänzlich neue Methode erlernen zu müssen, dem sei gesagt, dass sich Vogts Ansatz der beseelbaren Therapieobjekte von seiner Konzeption her gut in bestehende Verfahren integrieren lässt. So kann man sich die Arbeit mit fokussierten Handlungsinszenierungen, in denen beseelte Objekte therapeutisch wirksam eingesetzt werden, nicht nur in körpertherapeutischen Settings oder in der Arbeit mit Traumapatienten vorstellen, sondern auch in anderen etablierten Verfahren wie der Psychoanalyse, der systemischen Familientherapie oder auch gestalttherapeutischen Ansätzen.

Verfasst von: Karl Alexander Röhler Diplom-Soziologe, Individualpsychologischer Berater (Telos) Forschungsschwerpunkt: Interaktionsprozesse in Paarbeziehungen Korrespondenzadresse: Elsflether Str. 11 28219 Bremen e-mail: hkalex@empas.uni-bremen.de