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Buchrezension
für das Onlinejournal der Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie:
von Sibylla
Huerta Krefft
Warum ich fühle, was du fühlst - Intuitive
Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen, Prof. Joachim
Bauer (Freiburg), Verlag Hoffmann und Campe
ISBN 3.455.09511.9, € 19,95 |
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Viele Jahrzehnte hindurch ist Wilhelm Reichs Entdeckung
der unmittelbaren Verknüpfung von Körper; Emotion und Geist negiert, belächelt
oder als unwissenschaftlich abgetan worden. Ein doch recht kleines Häufchen
KörperpsychotherapeutInnen hat dieses Fähnchen dennoch über die Jahre
hochgehalten, wurde aber zunehmend ausgegrenzt. In Deutschland erlebte
dies den Höhepunkt mit der Installierung der Psychotherapeutengesetzes
1999, das es heute unmöglich macht, Körperpsychotherapie auf Krankenschein
zu erhalten .In vielen psychosomatischen Kliniken hat sich zur selben
Zeit ein gegenteiliger Prozess abgespielt: der Zusammenhang zwischen Körper
und Seele war bei den psychosomatischen Erkrankungen unübersehbar, die
Wirksamkeit körperorientierter Methoden (wie z.B. KBT, Tanztherapie usw.)
nicht zu leugnen.
Neuerdings kommt aber auch noch Unterstützung aus einem ganz anderen Bereich.
Die Forschungen der Psychoneuroimmunologie verbreiten schon seit längerer
Zeit die Erkenntnisse dieser neuen Wissenschaft über die Vernetzung neuronaler
und hormoneller Systeme mit ihren Ein- und Auswirkungen auf den Körper
und die seelischer Befindlichkeit (z.B. Spektrum der Wissenschaft 1991).In
dieser Reihe stand auch das letzte Buch von Joachim Bauer " Das Gedächtnis
des Körpers" aus dem Jahr 2002. Joachim Bauer arbeitet als Internist,
Psychiater und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin am Uniklinikum
Freiburg und ist seit 1992 Professor für Psychoneuroimmunologie. In "Das
Gedächtnis des Körpers" beschreibt Joachim Bauer in der Hauptsache die
Auswirkungen von Stress und Trauma auf der hormonellen Ebene und der damit
einhergehenden Gefährdung hinsichtlich psychischer Erkrankungen (mit einer
äußerst interessanten Diskussion zur vermeintlich unabänderlichen "Macht
der Gene").
Mit dem zweiten soeben erschienen Buch mit dem Titel "Warum ich fühle
was du fühlst" geht Joachim Bauer jetzt auf die neuesten neurobiologischen
Forschungen ( z.B. Rizzolatti) im Bereich der sogenannten Spiegelzellen
ein. Bauer beschreibt in gut verständlicher und nachvollziehbarer Form,
die Funktionsweise der Spiegelneuronen. Mit Hilfe modernster bildgebender
Verfahren können heute Untersuchungen über die neuronalen Aktivität einzelner
Zellen des Gehirns in Zusammenhang mit kommunikativem Verhalten von Probanden
gezeigt werden. Die Spiegelzellen haben in diesem Kontext eine zentrale
Bedeutung für die intuitive Kommunikation auf den Ebenen von Handlungen,
Emotionen und Körperempfindungen zwischen Menschen. Sie arbeiten wesentlich
schneller als Zellen, die für rationale Überlegungen zuständig sind. Die
Möglichkeit der intuitiven Kommunikation ist, laut Bauer, biologisch angelegt
und unabdingbar für das menschliche Überleben. Sie wird, kann und muss
trainiert werden, um zur vollen Entfaltung zu gelangen. Das Ausbleiben
von Spiegelung kann bis hin zu Krankheit und psychogenem Tod führen.
Als Körperpsychotherapeutin war es eine Freude dieses Buch zu lesen, das
so vieles paraphrasiert, was schon seit Jahrzehnten zum ordentlich gepackten
Wissens- und Verständniskoffers (aus der Empirie) gut ausgebildeter KörperpsychotherapeutInnen
gehört. Wilhelm Reich benannte das Spiegelungsphänomen mit dem Terminus
"vegetative identification". In körperpsychotherapeutischen Ausbildungen
ist man damit vertraut, dass körperliche und emotionale Sensationen, aber
auch Handlungsintensionen des Klienten manchmal im Körper des Therapeuten
wahrnehmbar sind (natürlich auch vice versa) und hat gelernt damit in
der Arbeit sorgsam und kritisch umzugehen. Es wird besonderen Wert auf
die Ausbildung der Fähigkeit "vegetative identification" wahrzunehmen
gelegt .Einige Schulen gehen sogar noch weiter und differenzieren hierbei
in körperliche und emotionale Resonanzphänomene und damit einhergehende
Bewertungssysteme.
Dabei ist uns bewusst, dass "vegetative identification" zwar oft große
Übereinstimmung mit den Gefühlen und Sensationen der KlientInnen aufweist,
aber durch den eigenen, mit einem anderen Muster behafteten Organismus,
andere Konnotationen erhält, die wir sorgsam im Auge behalten müssen.
Die Bezeichnung "Spiegelneuronen" legt nahe, dass wir es mit eins-zu-eins
Vorgängen zu tun hätten. Dem muss hinzugefügt werden, dass, im übertragenen
Sinne, die Beschaffenheit und die Stellung der "Spiegel" von immenser
Bedeutung sind. Bauer gebraucht in seinem Buch oft statt Spiegelung das
Wort Resonanz, das meiner Meinung nach den Vorgang exakter beschreibt.
Für uns KörperpsychotherapeutInnen ist die besondere Betonung die Joachim
Bauer dem Resonanzgeschehen hinsichtlich der Koppelung an körperliche
Empfindungen zukommen lässt natürlich von spezieller Bedeutung. Hier finden
sich im Buch sehr interessante Forschungsergebnisse und Beobachtungen.
Die von Joachim Bauer konstatierte "Trainierbarkeit" der Spiegelneuronen
hat verständlicher Weise Konsequenzen für die Psychotherapie im Ganzen
(im Sinne der Möglichkeit von Heilung kommunikativer Defizite mit ihren
weit reichenden Folgen für körperliche Steuerungsfunktionen), aber auch
Folgen für schulisches Lernen und Lehren oder den Medienkonsum von Kindern.
Die Bedeutung der guten, vor allem nonverbalen Kontaktfähigkeit von Therapeuten
und Therapeutinnen erhält damit eine zentrale Bedeutung.
Joachim Bauer reduziert nicht, wie andere Kollegen seines Fachgebietes
und simplifizierende. Presseberichte zu diesem Thema, Menschen auf neuronale
Opfer von Spiegelphänomenen, sondern führt den Willen auf interessante
Weise in dieses Denksystem ein. Seine Argumentation hat mich stark an
das Konzept der "Education in feeling and purpose " von Chuck Kelley (Radix)
erinnert. "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine Situation richtig bewertet
haben, ist am größten, wenn Intuition und kritische Reflexion zu ähnlichen
Ergebnissen kommen und einander ergänzen." (Bauer S. 34)
Es ist Joachim Bauers große Leistung wissenschaftliches Wissen auch Laien
verständlich zu machen zu können und den Versuch zu unternehmen, die sich
seiner Meinung nach daraus ergebenden, Konsequenzen für den Alltag in
verschiedenste Richtungen auszuleuchten. Das wirft eine Unmenge interessanter
Fragen auf, birgt aber natürlich auch die Gefahr, die eigenen Interpretation
dieser Forschungen zur Wirklichkeit zu erklären und damit persönliche
Überzeugungen wissenschaftlich zu unterfüttern. Ideologien stehen aber
im Gegensatz zu Kontaktfähigkeit, die als Essenz dieses Buches, gefragt
ist.
Vielmehr sollte gerade bei diesem Thema das Fenster der Interpretationsmöglichkeiten
weit geöffnet werden. Die möglichen Dimensionen dieser Entdeckung, aber
auch ihre Endlichkeit muss, von vielen verschiedenen Richtungen aus, diskutiert
werden. Das Wissen der Körperpsychotherapie hier nicht zu nützen wäre
schlicht dumm. Die Entwicklung möglicher Implikationen für die therapeutische
Arbeit braucht aber den Diskurs aller therapeutischer Schulen (z.B.KörpertherapeuInnen,
AnalytikerInnen, TiefenpsychologInnenen, VerhaltenstherapeutInnen, Systemischen
TherapeutInnnenen usw. ).In Freiburg lädt die Abteilung für psychosomatische
Medizin des Uniklinikums bereits seit einigen Jahren zu einer Folge von
Vorträgen verschiedenste SchulenvertreterInnen ein. Die Resonanz ist ungeheuer
groß.
Sibylla Huerta Krefft ist ausgebildet in Radix, Funktionaler
Analyse (W.Davis) und in Ausbildung zur Systemischen Supervisorin (M.A.).
Sie lebt und arbeitet in Freiburg.
Email:info@huerta.krefft.name
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