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Buchbesprechung
von
Körperpsychotherapie im Überblick
Handbuch der Körperpsychotherapie
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Gustl Marlock, Halko Weiss (Hg.): Handbuch
der Körperpsychotherapie. Schattauer GmbH, Stuttgart, 2006, ca. 1152 Seiten,
ca. 22 Abbildungen, ca. 3 Tabellen, gebunden, 119,- €; für Mitglieder
der DGK/EABP direkt über die DGK oder über das Zentrum für Integrative
Körpertherapie und Humanistische Psychologie e.V. mit 30 % Rabatt zu beziehen.
Der Bedarf für solch ein Handbuch besteht schon
lang und er wird immer größer, je klarer aus den verschiedensten Richtungen
moderner wissenschaftlicher Forschung und therapeutischen Arbeitens die
Bedeutung des Körpers als Medium menschlicher Erfahrung und menschlichen
Erlebens und damit auch aller Entwicklungs- und Veränderungsprozesse betont
wird.
Das Hauptanliegen der Herausgeber ist es, den in den letzten Jahren entstehenden
Dialog zwischen den verschiedenen körpertherapeutischen Schulen zu unterstützen
und zu vertiefen. Mit ihrer umfassenden Gesamtübersicht leisten sie dazu
einen wesentlichen Beitrag und ermöglichen gleichzeitig TherapeutInnen
anderer Schulen, einen Zugang zu finden und sich zu orientieren. Sie haben
es geschafft, über 60 international renommierte Vertreter und führende
Lehrer der verschiedenen Grundrichtungen für dieses Projekt zu gewinnen,
ohne einfach eine Plattform für Selbstdarstellungen und Werbung in eigener
Sache bereitzustellen. Vielmehr zieht sich das zentrale Anliegen, nämlich
wesentliche Aspekte in Theorie und Praxis aus verschiedenen Perspektiven
zu beleuchten, durch das ganze Buch und schafft so Metaebenen der Begegnung
und der Reflexion, aber auch der kritischen Auseinandersetzung. Dabei
sind die einzelnen Artikel durchaus sehr unterschiedlich, spiegeln zum
einen sicher die Persönlichkeiten der Autoren - kurze biographische Einführungen,
die den Beiträgen vorangestellt sind, erleichtern deren Verortung - und
reflektieren zum andern die aktuelle Vielfalt in der Debatte, die von
nah an der Praxis orientierten anschaulichen Berichten bis hin zu streng
wissenschaftlichen Abhandlungen oder auch philosophisch-anthropologischen
Überlegungen alles umfasst.
Das in jeder Hinsicht sehr umfangreiche Handbuch ist übersichtlich in
13 inhaltliche Abschnitte, sowie ein Vor- und ein Nachwort gegliedert.
Die inhaltlichen Abschnitte umreißen zentrale Fragestellungen; jeder Abschnitt
beginnt mit einer sehr hilfreichen Einleitung der Herausgeber, in der
sie die behandelte Thematik in den Gesamtzusammenhang einordnen, eine
oder einige wenige theoretische Fragestellungen einführen, die bei der
Lektüre der einzelnen Beiträge unterschwellig mitlaufen und auch schon
eine Art Kurzaufriss der einzelnen Artikel liefern. Damit gelingt es ihnen,
die Vielfalt immer wieder in ein großes Ganzes einzubetten und gleichzeitig
die Neugier und das eigene Denken der LeserInnen einzuladen und zu unterstützen.
Der gesamte Abschnitt über die Geschichte der Körperpsychotherapie ist
insgesamt sehr informativ; die Einflüsse von Elsa Gindler und Wilhelm
Reich werden gewürdigt und PD. Dr. Ulfried Geuter (s. auch den Artikel
im redaktionellen Teil) zeichnet die historischen Entwicklungslinien nach.
Die Grafiken zur Genealogie zeigen, wie vielfältig das Feld ist und sind
wohl v.a. interessant, wenn man die Position einer bestimmten Schule oder
Methode historisch und in ihren Bezügen zu andern Schulen einordnen möchte.
Die drei folgenden Abschnitte thematisieren aus verschiedenen Blickwinkeln
das Spezifische der Körperpsychotherapie, die Zusammenhänge zwischen Psyche
und Körper in ihren verschiedenen konzeptionellen Fassungen. Als wesentlich
wird die Erfahrungsorientiertheit in der Körperpsychotherapie betont.
Alles Empfinden auf der Körperebene ist unmittelbare Erfahrung im gegenwärtigen
Moment, egal, ob man es aus einer Perspektive eher als enactment, als
verkörperten Ausdruck eines unbewussten Konflikts in der Übertragungsbeziehung
sieht, oder aus einer andern Perspektive mehr den Aspekt betont, in der
achtsamen Fokussierung auf das Erleben die Selbstwahrnehmung zu stärken
und die Disidentifikation zu fördern. Die immense Bedeutung, die der Erfahrung
zukommt, wird aktuell aus mehreren Forschungsbereichen unterstrichen.
Insbesondere die Neurobiologie und die Emotionsforschung, aber auch die
Säuglingsforschung und die wieder mehr in den Blick genommenen Arbeiten
der Bindungsforschung haben in den letzten Jahren herausgearbeitet, wie
zentral für die menschliche Entwicklung die realen Erfahrungen mit der
sozialen Umgebung sind und wie deren Niederschlag auf der muskulären,
viszeralen, und neuronalen Ebene unser körperlich-emotionales Sein prägt
und unser Bewusstsein präformiert. Es ist ein Verdienst dieses Handbuchs,
hier den modernen Stand der Wissenschaft zu reflektieren und mit den Grundlagen
körpertherapeutischen Handelns und körpertherapeutischer Theoriebildung
in Bezug zu setzen. Im Abschnitt über die Grundlagen der Methodologie
greifen die Autoren verschiedene Aspekte des erfahrungsorientierten Arbeitens
in der Körperpsychotherapie auf, etwa die sinnliche Selbstreflexivität
(G. Marlock), die Achtsamkeit (H. Weiss) oder die Bewegung (C. Caldwell).
Noch konkreter und anwendungsbezogener ist der Abschnitt "Klinische Aspekte
des therapeutischen Prozesses", in dem die Fragen der Diagnostik und der
Affektabwehr, aber auch das Spektrum der Interventionstechniken und andere
Aspekte des klinischen Vorgehens thematisiert werden. Auch hier liegt
das Faszinierende vor allem darin, einerseits durchaus die Zugehörigkeit
zu einer bestimmten Schule zu erkennen, andererseits aber auch übergreifende
und von andern Therapieformen differenzierende Überlegungen nachvollziehen
zu können.
Äußerst interessant ist in dieser Hinsicht auch der Abschnitt über die
therapeutische Beziehung. In der Einleitung dazu stellen die Herausgeber
ein eher regressiv-nährendes Beziehungsmodell einem eher progressiv-konfrontierendem
gegenüber, wobei historisch gesehen die Integrative Leibtheorie, die Biodynamik
und die Hakomi-Methode eher dem einen Pol, die Unitive Psychology, der
Ansatz von George Downing oder die Bioenergetik eher dem andern Pol zugerechnet
werden. Eine andere Hintergrundfolie, auf der die Artikel zu lesen sein
können, ist die Unterscheidung zwischen Übertragung und Begegnung als
Charakterisierung der therapeutisch wirksamen Beziehung und die sich daraus
ableitende Positionierung der TherapeutIn. Der Hinweis auf die besonderen
Anforderungen an eine KörperpsychotherapeutIn wegen der im Vergleich zu
andern Therapieformen höheren Erlebnisdichte und stärkeren Aufladung des
Prozesses wirft dabei vielleicht auch ein Licht auf die bislang häufig
umgangene Auseinandersetzung mit dieser Frage, bzw. auf die expliziten
Anstrengungen mancher Schulenbegründer - hier könnte etwa A. Pesso genannt
werden - die Bedeutung des Therapeuten im Verhältnis zur Methode zu minimieren.
Dass es sogar einen ganzen Abschnitt zur körperpsychotherapeutischen Behandlung
spezifischer Störungen gibt - und hier wird das gesamte Feld klassischer
Diagnostik berührt - zeigt, welche Entwicklung die Körperpsychotherapie
in den letzten Jahren genommen und welche Relevanz sie in den meisten
Praxisfeldern inzwischen erreicht hat: Die traditionelle Verweigerung
einer störungsspezifischen Betrachtungsweise zugunsten eines prozessorientierten
Vorgehens hat einer komplexeren und weniger polarisierenden Betrachtung
Platz gemacht. Dies resultiert sicher nicht zuletzt aus den Erfahrungen
der körperpsychotherapeutisch geschulten TherapeutInnen in vielen Kliniken,
was sich auch in den Artikeln niederschlägt, die durchweg von AutorInnen
aus solchen Praxisfeldern geschrieben sind und sich durch hohe Anschaulichkeit
auszeichnen. Dasselbe gilt für den Abschnitt über die erweiterten Anwendungsgebiete,
d.h. Arbeitsfelder, die über das klassische Setting der Einzeltherapie
mit Erwachsenen hinausgehen, etwa die Arbeit mit "Schreibabies" oder mit
Paaren oder Gruppen, und in noch größerem Maß für die Fallstudien. Den
Bogen zu andern Formen der Psychotherapie schließt der folgende Abschnitt,
während die beiden letzten Artikel daran erinnern, dass es bei der therapeutischen
Arbeit neben den praktisch-methodologischen oder wissenschaftlich-theoretischen
Fragen auch um die Reflexion von Menschenbildern und die Bezugnahme zu
existenziellen Fragen des Menschseins geht.
Wer Freude daran hat, zu Blicken über den eigenen Tellerrand hinaus inspiriert
zu werden oder wer übergreifende Orientierung sucht im weiten Feld körperpsychotherapeutischen
Forschens und Arbeitens und sich an der modernen Diskussion um die Entwicklung
der Psychotherapie im Allgemeinen und der Körperpsychotherapie im Besonderen
beteiligen möchte, der trifft mit diesem Handbuch eine gute Wahl!
Anne Fischer
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