Das Selbstwertgefühl, dieses Gefühl für den eigenen
Wert und die eigene Würde, bildet sich auf gesunde und natürliche Art
im "offenen Raum", den das Baby und schon der Embryo und Fötus zuallererst
auf dieser Erde mit der Mutter, dieser allerersten Bezugs-, Abhängigkeits
und Kommunikationsperson, erlebt, oder eben auch nicht erlebt. Meist beides
in den verschiedensten Abstufungen und Schwere- oder Leichtigkeitsgraden.
Mit diesen haben wir es später in der Psychotherapie zu tun, deren Grundlage
und Fundament eben dieser "offene Raum" ist, in dem die ins Stocken oder
auf neurotische Abwege geratene Selbstorganisation des sich entfaltenden
neuen Menschen wieder in Fluß kommen soll. Aus dieser Sicht sind wir Psychotherapeuten
Fundamentalisten. Fundamentalisten des offenen Raumes. Wen wundert´s,
da wir doch alle nach dem Fundament suchen, denn ohne dieses fällt der
Griff nach den Sternen übel aus, falls er, wenn wir das Fundament dann
haben, überhaupt noch nötig ist. Aber das ist eine andere Frage. Begrüssen wir also den Text von Vieregge. Er durchforstet die einschlägige Literatur und findet heraus, daß der Begriff des Selbstwertgefühls strenggenommen noch gar keiner ist. Er wird tatsächlich fast durchgängig subsumiert unter die ausführlichen Diskussionen der Narzissmus- und Borderlineproblematik. Einigermaßen fündiger werde man in den Schriften zur modernen Säuglingsforschung, die denn auch ausgiebig unter dem in Rede stehenden Blickwinkel herangezogen und durchgearbeitet werden. Eingegangen wird aber auch auf die psychoanalytischen Definitionen, die sozialpsychologischen und historischen Aspekte und Untersuchungen zum Selbstwertgefühl als Beziehungsphänomen. Aufschlußreich auch hier wie im ganzen Buch immer wieder die Brückenschläge zur aktuellen gesellschaftlichen Situation, die verdeutlichen, wie ein gestörtes Selbstwertgefühl zu einem Mangel an Zivilcourage und einer modernen Autoritätsgläubigkeit führt und verführt. Dazu gehört im Umkehrschluß das Nichtaushaltenkönnen von berechtigter Kritik, die rastlose Suche nach Anerkennung und die Selbstaufwertung durch Abwertung anderer. Wer dafür praktische Beispiele erleben möchte, schaue sich die täglichen Nachrichten an. Einer langgeübten Lebenspraxis des Autors folgend studiert er das Thema auch bezüglich einiger spiritueller Traditionen wie dem tibetischen Buddismus und den Lehren des vor einigen Jahren verstorbenen christlichen Mystikers Daskalos. Darauf bauend beschreibt Vieregge in der zweiten Hälfte der Publikation einen eigens von ihm erarbeiteten und mehrmals durchgeführten gruppentherapeutischen Kursus zum Thema, mit detailliert ausgeführten Übungen, die jeweils noch einmal dankenswerterweise theoretisch unterlegt und untermauert sind. In Vieregge´s Buch nimmt die esoterische Seite im zweiten Teil für meinen Geschmack zuviel Raum ein, wird jedoch immer wieder, und das ist ihm zu danken, auf eine fast strenge Art und Weise theoretisch und praktisch begründet und auf die Füße gestellt. Daher sollten Sie sich, lieber Leser, Ihr Urteil selber bilden. Lesenswert ist die Abhandlung allemal, besonders im ersten Teil, und gewünscht sind aus ganz egoistischem Interesse weitere, die die sozialpsychologischen und historischen Aspekte des Themas vertiefen. Das sollte dem gelernten Germanisten und Politologen Vieregge nicht allzu schwer fallen. Oder, wie es der langjährige Studienrat selbst zu Beginn schreibt: "Eine Stabilisierung des Selbstwertgefühls bedarf Veränderungen des Kommunikationsverhaltens in Schule, Betrieb und im politisch-öffentlichen Raum, wenn man einem stets drohenden Rückfall in ideologisierte reaktionäre Lösungen vorbeugen will." Bernhard Maul, Freiburg i.Br.
|